Rechtsanwalt Thomas Kümmerle

Fachanwalt für Strafrecht / Strafverteidigung, Unfallregulierung & Verkehrsrecht / Kanzlei Hoenig Berlin

der redseelige Home-Grower

Jorge Barrios / Wikimedia public domain

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Wie in vielen Strafverfahren im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln, stand auch hier am Anfang „Kommissar Zufall“. Zwei Beamte beobachteten beiläufig zwei Jugendliche, die vor einem Haus rumstanden und mit Geldscheinen hantierten. Dann ging einer in das Haus hinein und kam kurze Zeit später wieder heraus. Die zwei Beamten dachten sich ihren Teil, folgen den beiden in eine Grünanlage und ließen diese erst mal einen “bauen“ bevor sie zugriffen..

Die Ertappten erzählten sofort bereitwillig, dass sie ihr Gras gerade erst gekauft hatten und zwar in dem besagten Haus bei dem  T. Dort hätten sie schon öfter was gekauft. Bei der anschließenden Wohnungsdurchsuchung fanden die Beamten dann eine kleine Cannabis-Plantage, 300 Gramm Gras, eine Waage mit “Preisliste“ und sonstige “Händler-Utensilien”.

Bis dahin war es noch unerlaubter Anbau und Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in Tateinheit mit Abgabe an Jugendliche unter 18 Jahren, was schon Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bedeutete. Dann wurde T. mitgenommen und vernommen.

Anstelle das einzig richtige zu tun, nämlich die Klappe zu halten, redete der Home-Grower sich um Kopf und Kragen. Er räumte erst einmal zahlreiche weitere Verkäufe ein. Die Tochter seiner Freundin hätte ihn auf die Idee gebracht, selbst anzubauen. Die und ihre Schulfreunde (alle unter 18!) würden immerzu kiffen, hatten aber Probleme mit der Beschaffung. Da dachte er sich, dass wäre doch eine gute Idee zum Geld verdienen. Also gewerbsmäßige Abgabe an Jugendliche unter 18 Jahren – Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren.

Damit nicht genug, erzählte der T. den gepannt lauschenden Vernehmern, dass das bei ihm gefundene Cannabis schon die “zweite Ernte“ war. Die damals geernteten ca. 200 – 300 Gramm habe er komplett verkauft und klar, auch an Schulfreunde. Also zwei Einzelfreiheitsstrafen nicht unter zwei Jahren, aus der dann eine Gesamtfreiheitstrafe gebildet wird. Eine bewährungsfähige Freiheitsstrafe rückte in weite Ferne.

Aber T. redete nicht nur sich um Kopf und Kragen. In der Wohnung seines Sohnes befinde sich nämlich noch eine weitere Plantage. Der vernehmende Beamte stoppte T. und belehrte ihn, dass er seinen Sohn nicht belasten müsse. Aber T. wollte reden und reden und reden…

Ob nach der Vernehmung von den Beamten Sektflaschen geköpft und sich abgeklatscht wurde, ist nicht überliefert. So einen „Singvogel“ hat man auch dort sicher nicht alle Tage.

T. und sein Sohn wurden angeklagt, wobei die Staatsanwaltschaft jeden einzelnen Abverkauf als Einzeltat wertete. Die Hauptverhandlung beim AG Tiergarten – Schöffengericht – lief entspannter ab als erwartet. Die Angeklagten zeigten sich natürlich geständig und reuig, die Verteidigung stutze die Anzahl angeklagter Taten auf zwei zurecht. Die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft kannte die Rechtsprechung des BGH zur Bewertungseinheit offensichtlich nicht und beantragte unzählige Einzelfreiheitsstrafen für jeden Verkauf, die sie dann „großzügig“ zu einer “gerade noch” bewährungsfähigen Freiheitsstrafe zusammenzog.

Das Gericht folgte dann aber den Anträgen der Verteidiger und verurteilte T. wegen gewerbsmäßigen unerlaubten Anbau und Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie Abgabe an Jugendliche unter 18 Jahren in zwei Fällen unter Annahme eines minderschweren Falls und Anwendung des § 31 BtMG zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten, seinen Sohn wegen Beihilfe zu einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten. Beide Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Wer das Vernehmungprotokoll in seiner epischen Breite lesen möchte, bitte sehr: beschvern268-4-061-1.

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